FacebookTwitter

An- und Einsichten eines Hausmannes

Es begann an einem ganz normalen Samstag, der nach einer arbeitsreichen Woche für meine Frau und auch mich mit strahlendem Sonnenschein begann und damit ein erholsames und zerstreuendes Wochenende erahnen ließ.

 



Als Frühaufsteher obliegt es meinen täglichen Pflichten, morgens die vollautomatische Kaffeemaschine einzuschalten, damit diese – nach ca. zweiminütiger Aufheizzeit – auf Knopfdruck feinsten Espresso, Cappuccino oder auch nur normalen Frühstückskaffee liefern kann. Vorausgesetzt, der Wassertank ist aufgefüllt, und es befinden sich genügend Kaffeebohnen im Vorratsbehälter. Zur Gewährleistung dieser dringenden Voraussetzungen bedarf es gewisser Wartungsarbeiten, die ich, mit der mir eigenen Großzügigkeit freiwillig und gerne übernommen habe. Schon deshalb, damit ich morgens in Ruhe frisch aufgebrühten Kaffee genießen kann.

 
Es ist schön bei uns zu Hause am frühen Morgen. Besonders am Samstag, wenn die Sonne scheint, die Katzen versorgt sind und nicht jammernd und klagend vor einem leeren Fressnapf lungern, die Zeitung pünktlich geliefert wurde und auch sonst alles in Ordnung ist. Nun gut, im Wohnzimmer stehen noch die Knabberschalen und die Weingläser von gestern Abend. Aber was soll’s. Meine Frau hatte auch einen harten Tag, und das ganze Wochenende ist ja Zeit für solche Nebensächlichkeiten. Wäre auch mal Zeit, dass das Bad wieder gründlich hergenommen wird. 


Schade eigentlich, dass es ein sonniges Wochenende zu werden scheint. Hätte es jetzt geregnet, wäre es durchaus möglich gewesen, dass ich den Keller aufgeräumt hätte. Zumindest teilweise, damit man wieder heilen Fußes bis zur Waschküche durchkommt, ohne zu stolpern. Wäre nicht auszudenken, dass meiner Frau bei ihrem Gang zur Waschmaschine etwas passiert, und sie vielleicht ausfällt. Besonders deshalb, weil Sie meistens die schmutzige Wäsche so hoch auf ihren Armen auftürmt, dass sie nichts mehr sehen kann. Sie müsste einfach öfter waschen, so zwischendurch. Schließlich muss man die Maschine nur einschalten. Alles andere geht sowieso von selber. Es ist schon angenehm, einem zivilisierten und modernen Haushalt vorzustehen.


Schön, wenn man am frühen Samstagmorgen, der sich als Beginn eines geruhsamen und erholsamen Wochenendes bestens empfiehlt, solchen Gedanken nachhängen kann. Ja, wir haben etwas geschafft, wir beide. Die Kinder sind groß und aus dem Haus, und somit war es absolut verständlich, dass sich meine Frau nun selbst verwirklichen wollte, wie sie es nennt. Nach einer dreijährigen Ausbildung zur Altenpflegern steht sie jetzt ihren Mann im Beruf und ist bereits Stationsleiterin geworden. Ganz habe ich diesen Entschluss nicht verstanden. Immerhin hätte sie an ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau anknüpfen können, um etwas vernünftiges zu tun. Die knapp dreißigjährige Berufspause hätte sie mit einem kleinen Auffrischungslehrgang in Sachen EDV und so, sicher leicht auffüllen können.

Aber es war ihr Wille, und der Wille meiner Frau ist mir heilig.


Klar, dass wir uns über die sich damit einhergehenden Veränderungen ausgesprochen hatten. Ihr Verdienst wird fast in Gänze gut angelegt, und wird uns einmal unser Rentendasein verschönern. Fast deshalb, weil ja auch neue Kosten ins Haus standen. Ein eigenes Auto zum Beispiel, damit sie ihre etwas abgelegene Wirkungsstätte überhaupt erreichen kann. Dieses Opfer war ich gerne bereit zu bringen. Für das Wohlbefinden meiner Frau, und sei es auch nur ihre Selbstverwirklichung bin ich zu allen Opfern bereit.


Ein traumhaft schöner Morgen mit frischem Kaffee und einer pünktlichen Zeitung. Nach dem Wirtschaftsteil pflege ich Samstags so gegen 9:30 Uhr meiner Frau einen Kaffee ans Bett zu bringen. Sie genießt dieses eingefahrene Ritual, wenn ich sie mit einem zärtlichen Kuss sanft aus dem Schlummer ins wirkliche, und heute auch sonnige Dasein hinübergleiten lasse. Sie wünscht auch um diese Zeit geweckt zu werden. Glaube ich wenigstens, denn sie hat sich noch nie beklagt. Sie weiß, dass es nur wenig Ehemänner gibt, für die solche Gesten der Zuneigung immer noch selbstverständlich sind, jedoch schien mir an diesem Morgen ihr Lächeln etwas gequält. Sicher hatte sie nur schlecht geträumt.


Gegen 11:00 Uhr, ich beschäftigte mich gerade mit der längst überfälligen Neuprogrammierung unseres Videorecorders, klangen Geräusche aus der Küche, die ich nicht mag. Sofort überließ ich den Recorder sich selbst und stürzte in die Küche, wo ich meine Frau in Tränen aufgelöst fand. Frauen verfügen naturgemäß über ein reichhaltiges Arsenal von Waffen, die sie je nach Bedarf einzusetzen pflegen. Die schlimmste und wirkungsvollste sind Tränen. Besonders dann, wenn sie, und der damit verbundene Kummer echt sind, und das war hier der Fall.


Nach der üblichen, schon rhetorischen Floskel (" Was ist denn los?" – Nichts!") klagte sie, immer wieder von heftigem Schluchzen unterbrochen, dass sie es leid sei, die ganze Woche zu schuften, um dann am Wochenende zwei Tage lang den Haushalt auf Vordermann bringen zu müssen. Keiner würde auch nur irgendetwas anpacken, sondern alles ihr überlassen. Ich verkniff es mir, zu sagen, dass ich ja die Kaffeemaschine...immerhin. Auch vermied ich jede Diskussion. Spontan den Mülleimer zu entleeren, und dann zu fragen, was denn jetzt noch zu tun sei, hätte mich auf die Stufe eines Idioten gestellt.


Betroffen machte mich jedoch ihre Äußerung, dass sie sich nach ihrem Arbeitstag nicht mehr auf unser Zuhause freute, sondern lieber noch Gespräche mit Kollegen führte oder Kaffeetrinken ging. Mir war durchaus aufgefallen, dass sie immer später heimkam, nahm dies aber als notwendig und gegeben hin. Ich konnte keine Lösung für das Problem anbieten, weil ich keine wusste, versprach aber, die Angelegenheit zu überdenken, was ich auch tat.


Zugegeben,, auch ich benutzte diesen Haushalt mit allem, was dazu gehört wie Abwasch, verschmutzte Fußböden und Teppiche, schmutzige Wäsche, ungemachte Betten usw. Bei einer oberflächlichen Inventur stellte ich mit Erstaunen fest, dass ca. 70% der sicher nur unachtsam liegengebliebenen Gegenstände wie Werkzeug, Tankbelegen, Computerdisketten und ähnlichem, tatsächlich mir gehörten. Natürlich stimmte es auch, dass ich nicht mehr der einzige war, der morgens aus dem Haus ging, um in der feindlichen und grausamen Welt sein Tagwerk zu verrichten, und abends die Wunden geleckt haben wollte.

Da ich ein entschlussfreudiger Mensch bin, entschied ich, den Haushalt komplett –natürlich nur für eine gewisse Zeit – zu übernehmen. Folgende Überlegungen  lagen der Entscheidung zu Grunde:

  1. Meine Frau hatte Recht, und war außerdem fix und fertig. Also sollte sie sich erholen. Sie brauchte Streicheleinheiten in Form von Verwöhnen.
  2. Meines Erachtens muss so ein Haushalt wie ein moderner Wirtschaftsbetrieb geführt werden; also Problemerkennung, Planung, Organisation, Durchführung. Kann so schwer nicht sein. Ein solches Programm hieß es zu entwickeln.
  3. Die so gemachten Erkenntnisse sollten allen Betroffenen (also meiner Frau) zugänglich gemacht werden, um dann zukünftig rationell und kräftesparend arbeiten zu können. 

Ich war sehr zufrieden mit mir. Es macht Freude, Aufgaben intelligent und praxisnah anzupacken. Erfolgserlebnisse müssen sich dann unweigerlich einstellen.


Am darauffolgenden Montag begann ich die ersten Erfahrungen zu sammeln. Wenn man etwas Neues, noch nie Dagewesenes entwickeln soll, muss man einfach vorne anfangen. Als meine Frau am Abend nach Hause kam, trat sie in eine aufgeräumte und gesäuberte Diele, denn die befindet sich am Anfang unseres gemütlichen Heims. Sogar die von ihrer Mutter handgeknüpften Teppichläufer waren gründlich gereinigt. Der nächste Weg führt sie normalerweise in die Küche, um einen Kaffee zu trinken. Der Abwasch war erledigt, der Kühlschrank abgetaut, und die Kaffeemaschine frei zugänglich, weil die leeren Flaschen, die sie sonst verbarrikadieren, in die entsprechenden Container entsorgt waren.


"Du hast ja sogar die Betten gemacht!" – war ihr anerkennender Ausruf, als es Zeit zum Schlafengehen war. 


"Und sogar ein Betthupferl auf dem Kopfkissen!" 


Wenn schon, denn schon. 

In den folgenden Tagen und Wochen bekam ich die Sache ordentlich in den Griff. Die zwei Minuten, die morgens meine Kaffeemaschine zum Aufheizen braucht, nutze ich, um die benutzten Gläser und Knabberschalen aus dem Wohnzimmer zu räumen, und um den Couchtisch abzuwischen. Wenn man es täglich macht, ist es gar nicht viel Arbeit, und es bleibt sogar Zeit, die Sofakissen aufzuschütteln. Den Kaffee genieße ich dann mit der fast immer pünktlichen Zeitung, nachdem die laut jammernden Katzen ihr Recht in Form von frischem Futter bekommen haben. Gegen sieben Uhr stößt meine Frau – die Tag für Tag ausgeruhter wirkt – zu mir an den Kaffeetisch, und freut sich mit mir über die morgendliche Stille; nur unterbrochen vom Kratzen meines Kugelschreibers, der – schwungvoll von meiner Hand geführt – die Einkaufsliste für den Tag zusammenstellt. 

Führt meine Frau im Bad den morgendlichen Kampf gegen die Natur, habe ich mindestens 15 Minuten, um das Schlafzimmer zu lüften, die benutzte Wäsche zu sortieren, die Betten zu machen (mit täglich wechselndem Betthupferl) und Staub zu wischen. Dazu benutze ich der Einfachheit halber eines der für die Wäsche bestimmten Unterhemden, denn das erspart mir den Gang in die Küche.


Da mein Arbeitstag später als der meiner Frau beginnt, habe ich nach dem Abschiedskuss noch ca. eine Stunde Zeit, das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine zu schichten (wir führen einen modernen Haushalt) und die übriggebliebene Küche aufzuräumen. Wichtig ist, dass man täglich die Dunstabzugshaube abwischt, weil sich sonst das Fett förmlich hineinfrisst.

Dann wird das Dampfbügeleisen eingeschaltet und hat Zeit zum Aufheizen. Denn ich beschicke jetzt die Waschmaschine, und sammle die trockene Wäsche ein. Damit dies rationell vonstatten geht, waren geringfügige Umbauten und Änderungen in der Waschküche notwendig, denn da stand ja alles verkehrt.


Hatte ich erwähnt, dass der Keller aufgeräumt ist? Einen einwöchiger Kurzurlaub, den meine Frau mit unserer ältesten Tochter auf Malta verbrachte, gab mir den dazu notwendigen Freiraum.


Wieder in der Küche, hat das Bügeleisen die richtige Temperatur, und da ich es täglich mache, ist es immer nur eine kurze Angelegenheit, einschließlich des Einräumens der gebügelten Wäsche in die dafür vorgesehenen Behältnisse.

Jetzt wird es Zeit für die Dusche, denn auch ich habe einen Arbeitstag. Einkaufen werde ich zwischendurch irgendwo. Inzwischen kenne ich alle Filialen der von mir bevorzugten Supermärkte und Discountläden. Hat je ein Mann darüber nachgedacht, welche Macht einem der tägliche Einkauf verleiht? Ich bestimme, was gegessen und getrunken wird, welches Waschmittel benutzt, womit die Haare gewaschen und was abends geknabbert wird. Jeden Tag ein berauschendes Erlebnis.  In den vergangenen Wochen habe ich meiner Frau jedwede haushälterische Tätigkeit verweigert, indem ich sie vorher schon gemacht hatte.

Sie fühlt sich sehr wohl und macht wieder einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck. Immer öfter gleitet wieder dies ganz bestimmte Lächeln am Abend über ihr Gesicht, bevor sie fragt: 


"Willst du wirklich noch Fernsehen schauen?" 


Vor ein paar Tagen musste sie ihre Lieblingshose ein paar Minuten lang suchen, weil ich sie versehentlich in den falschen Schrank geräumt hatte. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass mich Schuldgefühle überkamen. Fast hätte ich mich entschuldigt. Ob ich das Ganze übertrieben habe? 


Wie dem auch sei, beim gestrigen Einkauf habe ich ein paar Flaschen Pikkolo gekauft. Damit – und leckeren Lachsbrötchen – werde ich meine Frau am kommenden Sonntag überraschen, und ihr das Frühstück ans Bett bringen. Im Angebot gab es auch Champagner, aber wir wollen nicht übertreiben.


Heute ist wieder Samstag, und mein morgendliches Kaffeeritual wird vom Klingeln des Postboten unterbrochen. Ein Einschreiben für meine Frau. Von der Polizei. Von der Polizei? Sofort stürze ich mit dem Brief ins Schlafzimmer und überlege bereits, welchen Anwalt man konsultieren muss. Der Brief enthält ein Foto und einen Bußgeldbescheid. In einer 30-er Zone war sie 48 gefahren. Auf die Frage, wie sie dazu käme, unser Familienvermögen auf diese Weise zu verschleudern, lächelt sie und meinte, sie hätte doch nur schneller zu Hause sein wollen. Vorsichtig und leise stehle ich mich aus dem Haus und kann nur hoffen, dass es den Champagner noch gibt. Sie hat ihn verdient.


Auf dem Weg zum Supermarkt sehe ich rechts am Straßenrand eine Radarfalle. Ich liebe diese schwarzen Kästen und die netten Polizisten, die hübsche Fotos von Ehefrauen machen, die nur eines wollen: Schnell nach Hause kommen!

Ja, so ein Haushalt muss wie ein Wirtschaftsbetrieb geführt werden. Er muss produzieren und Gewinn abwerfen. Nur sind die Produkte nicht mess- oder zählbar, man kann sie nur fühlen. Und der Gewinn?


Nun, heute ist Samstag, der Kaffee ist heiß, die Zeitung war pünktlich, die Katzen sind versorgt und draußen gießt es in Strömen. Alles deutet darauf hin, dass es ein erholsames und zerstreuendes Wochenende wird.

© 2003 Erwin Grab

   
© Erwin Grab