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Der Unterschied

Zugegeben, auch andere Menschen vor mir haben schon festgestellt, dass zwischen Männern und Frauen Unterschiede bestehen. Schon rein äußerlich. Und auch sonst. Und überhaupt.

Man muss sie ja nur ansehen, um es festzustellen. Was ja auch den besonderen Reiz ausmacht. Zum Beispiel bei der Arbeit, im Cafe, am Strand oder bei Diskussionen über die Kindererziehung. Manchmal könnte man meinen, der Unterschied wäre so groß, dass uns ganze Welten trennen. Und genau das ist es wahrscheinlich, was uns unentwegt aneinander zwingt. Nämlich der Unterschied.

So wird jeder anständige Mann von sich behaupten, dass er die Frauen kennt, ja, dass er der einzige sei, der sie zu nehmen wisse. In Wirklichkeit hat er nicht einmal den Schimmer einer Ahnung. Hat doch schon Balzac die Suche nach einer Frau, die ihn versteht, als die größte Liebestorheit unseres Zeitalters bezeichnet. Im Gegenzug klagen alle Frauen, dass sie alles verstünden, mit Ausnahme ihres Mannes. Die anderen schon, nur ihren eigenen nicht. Tatsächlich aber kennt sie jeden einzelnen Faden, an dem sie ziehen muss, um das in ihrer Hand willfährige Mannsbild so zu manipulieren, wie sie es braucht. Was sie auch tut. Aber der Unterschied tritt auch anders zutage. Nehmen wir einen stinknormalen Bundespresseball. Alle Männer haben nur ein Problem:

Auf jeden Fall genau so auszusehen wie alle anderen, denn alle laufen gleichgewandet im schwarzen Smoking herum und finden es ganz toll.

Die sie begleitenden Damen haben auch nur ein Problem:

Auf keinen Fall so auszusehen, wie irgendeine andere. Allein eine entfernte Ähnlichkeit zweier Abendgarderoben löst zwangsläufig Weinkrämpfe, Wutausbrüche und lange Jahre andauernde Depressionen aus. Ehen wurden schon geschieden, weil so ein dahergelaufenes Luder, eine ungezogene Schlampe ohne jedes Ehr- und Schamgefühl sich erdreistete, in der selben Boutique einzukaufen, deren Adresse sie natürlich nur vom verräterischen Gatten haben konnte.

Beim Autofahren ist es wieder umgekehrt. Besonders jugendliche Männer laufen während der Balzzeit zur Höchstform auf, wenn es darum geht, ein schnittiges Cabrio mittels eines waghalsigen, aber gekonnten Powerslide vor der Haustür der Angebetenen zu parken, um, sobald sie zugestiegen ist, mit Hunderten von Pferdestärken feinfühlig und sensibel zu spielen, was bei ihr wiederum zu Begeisterungsausbrüchen führt. Jedenfalls bei den Freundinnen. Ihm sagt sie kühl und knapp:

"Fahr nicht so idiotisch!"

Auf jeden Fall will ER am Steuer anders – nämlich besser – sein als alle anderen. Höchstens wie Mika Häkinnen oder Michael Schumacher.

Sitzt SIE jedoch am Steuer, hat sie nur das Ziel, nicht aufzufallen. Und es reicht seine bloße Anwesenheit auf dem Beifahrersitz oder auf der Ladefläche, um aus ihr ein zuckendes Nervenbündel zu machen, weil er angeblich ständig alles besser weiß, unnötig ermahnt und nur Angst um sein kleines schönes Auto hat. Insider wissen zu berichten, dass  Fußmatten von beifahrenden Männern waggonweise durchgetreten werden, weil sie ständig Gasgeben, kuppeln und ganz besonders bremsen. Imaginär natürlich.

Meine Frau hingegen fährt ausgezeichnet. Abgesehen vom ständigen Linksfahren bei Tempo 90 auf der Autobahn, falschem Blinken, weil sie rechts und links nicht unterscheiden kann, hörbarem Schalten und so ruckartigem Bremsen, dass ich jedes Mal befürchte, der Airbag platzt. Aber ich habe mir angewöhnt, die Augen zu schließen und einfach einzuschlafen, denn ich kann sowieso nichts ändern. Trotzdem beschwert sie sich über ständiges Meckern. 

"Aber ich habe keinen einzigen Ton gesagt!"

"Na, wenn schon. Ich weiß genau, dass du wolltest!"

Franseln wiederum können beide gleich gut. Franseln umschreibt die Tätigkeit eines Beifahrers, der fachkundig mittels Straßenatlas und Stadtplan dem Fahrer richtige Anweisungen gibt, damit der weiß, wo es hingeht. Von Männern kommen da klare und knappe Anweisungen wie:

"Nächste rechts ab!"

Von Frauen (jedenfalls von meiner) kommen ähnliche Anweisungen:

"Du hättest da eben rechts abbiegen müssen!"

Dann die Geschichte mit den Schraubverschlüssen. Es scheint, als wäre da eine klitzekleine Anomalie in der weiblichen Motorik, denn jede Frau ist bestens in der Lage,  Parfümflakons, Wasserflaschen, Marmeladengläser, ja sogar die Deckel von Motorenöl richtig zu öffnen. Nach links herum. Anders herum, also nach rechts  geht es nicht. Sie können es nicht. Oder nur eine halbe Umdrehung. Und dann schief. Alle Deckel liegen entweder daneben, und kein Mensch weiß mehr, was wohin gehört, oder sie sitzen schief drauf. Das ist nicht unbedingt ein Problem. Abgesehen davon, dass die Niveacreme langsam aber spürbar eintrocknet. Schwierig wird die Sache allerdings, wenn man in gewohnter Weise die Ketchupflasche vor dem Öffnen schüttelt, um dann, aber erst wenn Küchendecke, Hemd und Gesicht voller roter Spritzer sind festzustellen, dass der Deckel nur mit einem Hauch zugedreht war.

Bei Männern liegt der Fehler mehr in der Sehkraft. Sie haben zum Beispiel kein Problem damit, 6 Paar Schuhe unter dem Couchtisch zu deponieren, um sie dann im ganzen Haus zu suchen. Sie würden sie überall finden. Nur nicht unter dem Couchtisch. Weil ihnen da die Sehkraft einen Streich spielt. Ähnlich ist es mit Reinigungsgeräten, überfüllten Mülleimern oder unangenehmer Post.

Sie würden sich eher den Hals brechen, als solche Nebensächlichkeiten optisch wahr zu nehmen. Es sei aber auch hier erwähnt: Sie können nichts dafür!

Und was ist mit dem Stress?

Schenkt man einem Pressebericht Glauben, dann erleben Männer im Berufsleben den größten Stress. Frauen hingegen sollen ihn mit ihrem Partner, also ihrem Mann erleben. Auslöser für Stress sollen bei den Männern der Termindruck und Probleme mit dem Chef sein. Bei Frauen, laut einer Umfrage ist es die miese Laune der Männer. Beliebtestes Mittel gegen den Stress: Reden mit Freunden. Weil dies wesentlich mehr Frauen als Männer tun, entsteht bei den Männern neuer Stress. Oder würden Sie, verehrter Leser männlichen Geschlechts in hektischen Freudentaumel verfallen, wenn sich laufend der Freund ihrer Frau zum Gespräch anmeldet?

Dabei sehnen wir uns doch alle, Männer wie Frauen nur nach einem bisschen Harmonie. Und nach Frieden und Verständnis. Natürlich auf unterschiedliche Weise. Was unweigerlich zur Katastrophe führt, denn sie will Frieden ohne Schuhe unter dem Couchtisch, er mit zugeschraubten Flaschen. Möglicherweise hat die Evolution da etwas verschlafen, denn sonst hätte sie vor 5000 Jahren Waffen ausgeteilt und würde nicht tatenlos diesem nervenzerfetzenden Psychokrieg zuschauen.

Wenn da nicht die Liebe wäre, die mit der Zeit und sanften breiten Schwingen alles zudeckt:

Durchgescheuerte Kupplungen, Ketchupspritzer an der Decke und anderswo, Schuhe unter dem Tisch und die Überraschung, in einer anderen Stadt anzukommen, weil sie die Straßenkarte verkehrt herum hielt.

An sie, nämlich die Liebe, die ohne einen gewissen Unterschied überhaupt nicht reizvoll wäre, sollten wir uns erinnern und an sie klammern. Bevor wir Männer also hirnrissige Blondinenwitze erfinden und uns darüber ausschütten vor Lachen, und bevor Sie, liebe Damen zu der Überzeugung kommen, dass das Unausstehlichste an den Männern ist, dass sie unentbehrlich sind, sollten Sie sich nicht nur in Ihr Schicksal fügen, sondern sich jeden Tag aufs Neue davon überzeugen, dass sie oder er sich durch die charmantesten und liebenswertesten Macken und Marotten von Ihnen unterscheidet.


© 2008 Erwin Grab