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ZYN! war ein deutsches Online-Satiremagazin. Im Gegensatz zu klassischen Satiremagazinen erschien es nur im Internet.

Es bezeichnete sich selbst als „das einzige deutsche Satiremagazin“.

 

Für enormes Medienecho sorgte auch die eigens als Satire-Aktion entwickelte Online-Parodie „Spiggl“ auf das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel Online. Das originale Layout der Spiegel Online Webseite wurde von den ZYN!-Programmierern vollständig gekapert, um den Anschein zu erwecken, dass Leser sich auf der Spiegel-Seite befinden. Die Parodie "Spiggl" enthielt viele Nachrichten und Artikel, die aus der Feder der Satire-Autoren stammten. Die Parodie führte sogar dazu, dass ein dort veröffentlichtes fiktives Interview mit Bundeskanzler Gerhard Schröder über deutsche Atomwaffenpläne von einer iranischen Nachrichtenagentur aufgegriffen und als "echte" Meldung publiziert wurde. Anfang 2006 blamierte sich zudem der Politiker Friedrich Merz, als er einen ZYN!-Artikel bei einer Karnevalsveranstaltung als eigenes Werk vortrug und Medien auf den "Textklau" aufmerksam wurden.


Unter anderem stammen die drei nachfolgend abgedruckten "Interviews" aus meiner Feder. Auch wenn die darin besprochenen  Politiker mehr oder weniger politisch keine Rolle mehr spielen (Peter Struck ist leider schon verstorben, Otto Schily hat wieder einen anständigen Beruf und auch sonst hört man außer "Maut für Ausländer" und "Grenzen zu in Bayern" nichts Bedeutendes) dienen sie vielleicht zur Einstimmung für eine schöne Tradition, die ich wieder aufnehmen will. Wobei ich gerne an schöne Zeiten mit "Sammy", den Herausgeber von ZYN! denke.

Der geneigte Leser möge bedenken, dass bei den folgenden Interviews alles, aber auch wirklich alles erfunden ist!


Die Krankenkassen kranken.
Spiggl führte ein Gespräch mit Horst Seehofer (CSU), erschienen am 15.3.2003

Spiggl:
Herr Seehofer, Sie sind stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung. Wie beurteilen Sie Ulla Schmidt’s Reformpläne?

Seehofer:
Beurteilen? Wollen Sie mich veralbern? Wir VERurteilen sie. Und zwar aufs Schärfste.

Spiggl:
Na schön. Aber im Bundestag werden Sie wohl drüber reden müssen.

Seehofer:
Nun, die Erfahrung lehrt uns, dass noch nie etwas so aus dem Bundestag herausgekommen ist, wie es reingekommen ist.

Spiggl:
Oder noch nie etwas aus dem Bundesrat gekommen ist, wie es aus dem Bundestag hereingekommen ist?

Seehofer:
Damit unterstellen Sie uns wieder plumpe Blockadepolitik. Aber das kennt man ja von Ihnen.

Spiggl:
Ach wirklich? Na, sei’s drum. Aber jetzt mal im Ernst: Was ist mit Ulla’s Plänen?

Seehofer:
Da sind Ansätze vorhanden, die man diskutieren kann. Wenn dann nicht wieder alles verwässert wird.

Spiggl:
Verwässert? Was denn? Wie denn?

Seehofer:
Nun äh, nehmen wir zum Beispiel die Punkte Sterilisation und künstliche Befruchtung.

Spiggl:
Künstliche Befruchtung verwässern? Meinen Sie, die wollen die Samenbanken einfach verdünnen?

Seehofer:
Verdünnen? Wenn es das nur wäre! Die Punkte sollen aus dem Leistungskatalog gestrichen werden.

Spiggl:
Macht ja auch keinen Sinn, erst die Sterilisation zu bezahlen, damit die Pille gespart wird, und hinterher dann künstlich befruchten.

Seehofer:
Wieso Pille sparen?

Spiggl:
Die muss man doch selber zahlen!

Seehofer:
Machen Sie sich nicht lächerlich. Dafür gibt es doch Ausnahmeregelungen.

Spiggl:
Was Sie nicht sagen! Und was hat das mit Sterilisation zu tun?

Seehofer:
Eben. Da gibt es dann wieder so viele Ausnahmeregelungen.

Spiggl:
Zum Beispiel?

Seehofer:
Erst mal die sozial Schwachen.

Spiggl:
Und weiter?

Seehofer:
Bei ärztlich verordneter Notwendigkeit, Unverträglichkeit der Pille, Wohnraumknappheit und Magenschleimhautentzündung.

Spiggl:
Bei Magenschleimhautentzündung auch?

Seehofer:
Ja! Weil man dann die Pille ausko..., ich meine, man gibt sie wieder von sich!

Spiggl:
Und was ist mit dem öffentlichen Dienst?

Seehofer:
Klar! Die auch. Und die Gewerkschaftsmitglieder.

Spiggl:
Wer bleibt dann noch übrig?

Seehofer:
Weiß nicht! Männer vielleicht?

Spiggl:
Hrm! Kommen wir zum nächsten Thema: Das Sterbegeld wurde ab 1.1.2003 auf 525 € gekürzt. Haben Sie das im Bundesrat mit abgesegnet?

Seehofer:
Ich kann mich nicht erinnern. Betrifft das nicht nur einige Wenige?

Spiggl:
Eher nicht. Gestorben sind sie bis jetzt alle.

Seehofer:
Sind Sie sicher?

Spiggl:
Was ist mit Franz-Josef Strauß?

Seehofer:
Na gut. Aber irgendwo muss mit dem Sparen ja angefangen werden.

Spiggl:
Aber für 525 € gibt es gerade mal zwei Kränze und eine Schaufel Erde. Was ist mit dem Rest?

Seehofer:
Was für ein Rest?

Spiggl:
Da müsste noch ein Leichnam entsorgt werden.

Seehofer:
So seid Ihr von der Presse. Alles lächerlich machen und stänkern. Schlagen Sie doch mal was vor!

Spiggl:
Gerne! Wie wäre es im Zuge der Maßnahmen um das sozialverträgliche Ableben mit gestaffelten Leistungen?

Seehofer:
Wie meinen Sie das?

Spiggl:
Wer früh stirbt, entlastet die Kranken- und Rentenkasse. Dafür bekommt er ein Begräbnis erster Klasse. Wer unbedingt alt werden will, muss selber zahlen.

Seehofer:
Und Sie meinen, das geht?

Spiggl:
Einen Versuch wäre es wert!

Seehofer:
Aber die wollen doch alle steinalt werden!

Spiggl:
Eher nicht. Bei den Aussichten.

Seehofer:
Und wie soll das geregelt werden?

Spiggl:
Wie bisher. Nur gezielter.

Seehofer:
Was soll das heißen, wie bisher?

Spiggl:
Nun, laut Münchner TZ vom 9.5.2003 sind Ärzte die Todesursache Nr. 1 in Deutschland. Die Durchführung wäre also gesichert.

Seehofer:
Und wie wollen Sie verhindern, das da was rauskommt?

Spiggl:
Ganz einfach: Wir behalten die kassenärztlichen Vereinigungen. Da verschwinden noch ganz andere Sachen.

Seehofer:
Und das wollen Sie drucken?

Spiggl:
Klar! Glaubt sowieso keiner.

Seehofer:
Na dann!

Spiggl:

Herr Seehofer, wir bedanken uns für dieses Gespräch.


Das Exodus-Projekt

Spiggl im Gespräch mit Bundes-Innenminister Otto Schilly
(erschienen am 20.5.2003)

Spiggl:
Herr Minister, was verbirgt sich im Detail hinter dem Exodus-Projekt?

Schilly:
Ich habe noch nie davon gehört. Was soll das sein?

Spiggl:
Noch nie gehört? Uns liegen Dokumente mit Ihrer Unterschrift vor.

Schilly:
Wie hieß das Projekt?

Spiggl:
Exodus-Projekt.

Schilly:
Sagen Sie das doch gleich. Das ist noch kein Projekt. Eher ein Gedanke. Ein Sandkasten-Planspiel.

Spiggl:
Exodus hört sich nach Auszug an. Wer soll wann und wohin ziehen?

Schilly:
Wie gesagt, da ist noch nichts konkret.

Spiggl:
Aber Sie haben doch schon Möbelwagen und Busse bestellt!

Schilly:
Bestellt nicht. Nur Angebote eingeholt.

Spiggl:
Auf wessen Veranlassung?

Schilly:
Veranlassung ist maßlos übertrieben. Eher aus einer Laune heraus.

Spiggl:
Wessen Laune?

Schilly:
Wenn Sie so fragen, ich glaube, es war Doris.

Spiggl:
Schröder-Köpf?

Schilly:
Schon möglich. Aber ich möchte nicht zitiert werden.

Spiggl:
Wie kann eine Laune der Kanzlergattin dazu führen, dass die ganze Regierung verrückt spielt?

Schilly:
Wieso verrückt? Wir gehen plan- und maßvoll vor. Das wär's dann wohl?

Spiggl:
Nicht ganz. Dem Tagesbericht des BKA von Donnerstag, dem 16. April 2003 entnehmen wir, dass der Kanzler um 11:15 Uhr sein Haus mit seiner Stieftochter fluchtartig verlassen, und sich dann mehr als drei Stunden in einer Kneipe verschanzt hat.

Schilly:
Woher wollen Sie das wissen? Na, ist auch egal. Also das war mehr eine haushälterische Maßnahme. Völlig uninteressant für die Öffentlichkeit.

Spiggl:
Die Kanzlergattin verhandelt mit dem Finanzminister über den Haushalt, und das soll uninteressant sein?

Schilly:
Quatsch! Sie hat ja auch einen eigenen Haushalt.

Spiggl:
Eigenen Haushalt?

Schilly:
Na klar! Mit Wäsche, Spülmaschine und Teppichklopfer und so!

Spiggl:
Keinen Staubsauger?

Schilly:
Weiß nicht! Denke schon.

Spiggl:
Und was hat das mit dem Exodus-Projekt zu tun?

Schilly:
Gar nichts! Aber ich muss jetzt wirklich...

Spiggl:
In Ordnung. Wir veröffentlichen dann die Dokumente...

Schilly:
Ihr seid widerlich! Kein Wunder, dass Euch jeder hasst!

Spiggl:
Sehr schmeichelhaft. Aber nun mal los!

Schilly:
Also Doris, ich meine die Kanzlergattin wollte Großputz machen, weil sie über Ostern Besuch erwarteten.

Spiggl:
Und dann?

Schilly:
Sie wissen doch, wie Frauen sind. Sie hat die beiden rausgeschmissen, weil sie sie vor den Füßen weghaben wollte.

Spiggl:
Kennen wir. Aber wenn andere Frauen putzen, steht die Regierung nicht Köpf... pardon Kopf!

Schilly:
Naja, angefangen hat das erst, als der Kanzler das im Kabinett erzählt hat. Da hat der Clement gemeint, genau so müsse man diesen Saustall aufräumen.

Spiggl:
Welchen Saustall?

Schilly:
Hat der Kanzler auch gefragt.

Spiggl:
Und?

Schilly:
Den Saustall BRD!

Spiggl:
Hat Clement gesagt?

Schilly:
Genau. Dann haben wir spaßeshalber darüber diskutiert. War ganz lustig.

Spiggl:
Und dann?

Schilly:
Sie kennen doch Hans Eichel. Humor wie ein Fleischerhund. Der nimmt alles ernst. Hat eine Studie in Auftrag gegeben und vorige Woche vorgelegt.

Spiggl:
Mit welchem Ergebnis?

Schilly:
Dass es geht!

Spiggl:
Was geht?

Schilly:
Nun, alles reformieren, sanieren und aufräumen. Vorausgesetzt, dass keiner vor den Füßen rumläuft.

Spiggl:
Wollen Sie etwa die ganze Bevölkerung in die Kneipen schicken?

Schilly:
Nee! Die müssen schon weiter weg. Und länger!

Spiggl:
Sie wollen tatsächlich rund achtzig Millionen Menschen außer Landes bringen?

Schilly:
Nicht alle! Es müssen ja welche zum Aufräumen dableiben.

Spiggl:
Und wohin sollen die alle?

Schilly:
Dahin, wo die deutsche Industrie auch ist. Wir brauchen ja Arbeitsplätze.

Spiggl:
Und was machen die einheimischen Arbeitskräfte dieser Firmen in... sagen wir mal Pakistan?

Schilly:
Die machen Urlaub. Ist ja alles nur vorübergehend.

Spiggl:
Das hat Mose auch geglaubt.

Schilly:
Mose?

Spiggl:
Der hatte auch so einen Umzug organisiert. Sollte eine kurze Reise sein, und hat dann vierzig Jahre gedauert.

Schilly:
Ist das verbürgt?

Spiggl:
Fragen Sie Ephraim Kishon.

Schilly:
Sei's drum. Jetzt ist die Planung fast abgeschlossen. Aber das haben Sie nicht von mir!

Spiggl:
Keine Bange. Sagen sie mal, wird das nicht furchtbar teuer?

Schilly:
Nöö! Da wären nur die Reisekosten. In diesen Ländern lebt es sich ja ziemlich billig. Und zu Hause spart man den Strom.

Spiggl:
Und die Grünen machen da mit?

Schilly:
Wir fahren mit Rapsöl!

Spiggl:
Also wirklich.! Was sollen wir nur dazu sagen?

Schilly:
Sie könnten jetzt sagen: Wir bedanken uns für dieses Gespräch!

Spiggl:
Na gut!


Verteidigungsminister Struck konferierte mit seinen Nato-Kollegen in Washington.

Spiggl  sprach mit dem Minister:
(erschienen am 6.5.2003)

Spiggl :
Herr Minister, wie gefällt Ihnen Washington um diese Jahreszeit?

Struck:
Der Mai ist einer der schönsten Monate um diese Zeit. Nicht mehr so kalt wie im Winter und noch nicht so heiß wie im Sommer. Aber ich würde mich da nur ungern festlegen.

Spiggl :
Und schon sind wir beim Thema. Die Polen haben angeregt, dass Deutschland an der multinationalen Stabilisierungstruppe im Irak beteiligt wird. Schicken Sie Ihre Jungs jetzt auch nach Bagdad, und welchen Teil wollen Sie dann besetzen?

Struck:
Dieser Vorstoß einer der Koalitionsparteien muss natürlich ernsthaft überdacht werden. Immerhin haben die Polen ein namhaftes Kontingent an Soldaten und Material für diesen Krieg zur Verfügung gestellt (im Verhältnis zu den Amerikanern 1:1000. Anm. d. Red.), so dass ihnen auch ein Mitspracherecht zusteht. Außerdem verfügen die Polen über Erfahrungen in solchen Befreiungsaktionen.

Spiggl :
Sie spielen sicher auf die Befreiung der Tschechen von Dubcek, diesem Usurpator an?

Struck:
Nun ja, eigentlich weniger. Oder vielleicht doch. Da könnte man Parallelen sehen.

Spiggl :
Einer Pressemeldung zufolge sind die Polen pleite und können sich den Einsatz im Irak eigentlich gar nicht leisten. Könnte es sein, dass die nur jemanden suchen, bei dem sie sich mal sattessen können?

Struck:
Das müsste man im Einzelnen natürlich klären. Ich will da auch keinem Kabinettsbeschluss vorgreifen. Wir werden das Thema mit aller Ernsthaftigkeit diskutieren...

Spiggl :
...und dann an eine Kommission verweisen?

Struck:
...und den Bundeskanzler dann abstimmen lassen. Grundsätzlich bleibt es aber beim NEIN zum Krieg. Und von Besetzen kann überhaupt keine Rede sein. Wenn, dann würden wir uns an den Suchaktionen beteiligen.

Spiggl :
Nach Saddam Hussein? Angeblich ist er mit einer Milliarde Dollar abgehauen. Meinen Sie, es springt für Eichel ein Lösegeld heraus, wenn Sie ihn schnappen?

Struck:
In einer solchen Situation von Geld zu reden, kann auch nur Ihnen einfallen.

Spiggl :
Oder nach Massenvernichtungswaffen? Glauben Sie, dass unsere Soldaten da besser zurecht kommen, weil die Bedienungsanleitungen in deutscher Sprache sind?

Struck:
Das ist eine infame Unterstellung. 

Spiggl :
Sie hatten ein Gespräch mit Rumsfield. Er soll nicht nett gewesen sein.

Struck:
Ein Mann, der das Amt eines Verteidigungsministers erreicht, ist selten nett.

Spiggl :
Sie sind auch Verteidigungsminister.

Struck:
Eben!

Spiggl :
Kommen wir zur Innenpolitik! Der Bundeskanzler befindet sich auf Werbetour für seine Agenda und spricht von den Notwendigkeiten. Wörtlich sagte er:

‚Wir brauchen eine Mehrheit für die Notwendigkeiten. Sonst finden die Notwendigkeiten andere Mehrheiten. Und das sind dann nicht unsere!’

Struck:
Wie soll ich denn das verstehen?

Spiggl :
Nun, mit Notwendigkeiten meint er sicher die Reformen. Dafür braucht er eine Mehrheit, ist ja klar. Hat er ja auch. Aber pingelig, wie er ist, will er die von seinen eigenen Kumpels, also von der SPD und den Grünen...   Also wirklich, Herr Struck. So geht das aber nicht! Hinterher heißt es dann wieder, wir hätten Ihnen die Worte in den Mund gelegt.

Struck:
...oder so!

Spiggl :
Genau! Sigmar Gabriel sagte bei Sabine Christiansen, die Reformpläne gingen nicht weit genug. Andererseits bemängelt er, es sei immer noch unklar, was mit dieser Reform eigentlich erreicht werden soll. Sehen Sie da auch einen Widerspruch?

Struck:
Wieso Widerspruch?

Spiggl :
Nun, wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, kann ich auch nicht sagen, wie weit ich schon gekommen bin.

Struck:
Hauptsache, wir kommen vorwärts. Aber es ist immer dasselbe mit dieser Scheißpartei. Jeder macht, was er will und keiner tut, was er soll.

Spiggl :
Aber alle machen mit?

Struck:
Das walte Müntefering!

Spiggl :
Der Kanzler verknüpft sein politisches Schicksal mit der Geschlossenheit der Partei. Bei einer Abstimmungsniederlage muss er zurücktreten. Stehen Sie dann als Nachfolger zur Verfügung?

Struck:
Fragen Sie mich das nach der Abstimmung!

Spiggl :
Herr Minister, wir danken Ihnen für das Gespräch.